Saturday, June 24, 2006

"Allein in der Welt zu Zweit"

Das hab' ich grad' in einer E-Mail geschrieben, ueber Klara und mich. Wir gehen uns manchmal schon enorm auf die Nerven, in unserer Isolation zu Zweit, in der wir in gewisser Weise noch immer stecken. Weil keine von uns eine eigene Welt hat.

Inzwischen allerdings ist das teils dann schon etwas anders, da wir an verschiedenen Orten arbeiten und uns nur sehr, sehr wenig sehen.


Mir (und auch ihr, aber ich schreib' ja aus meiner Sicht) war nicht klar, wie "verwoehnt" sie bisher war. Sie leidet sehr unter dem "Nur-die-Putzfrau-sein", fuer Leute, die fast ausnahmslos weniger gebildet/intelligent sind als sie und dennoch auf sie herabschauen. Die mehr verdienen, keine Gummistiefel, keine Hygienehaube und keinen Mantel tragen muessen. Es stoert sie, dass sie alles, was sie kauft in Stundenlohn-Einheiten misst und ploetzlich "arm" ist.

Ich empfinde das als normal, aber sie hatte jahrelang immer jemanden, der sie voll versorgt hat und musste sich finanziell ueberhaupt keine Gedanken machen, meist nicht mal ihre Kleidung oder Reisen selbst bezahlen.

In ihrer Zeit als Aupair bei verschiedenen tendenziell eher priviligierten Familien war sie mit teurem Essen versorgt und ziemlichem Luxus umgeben und auch danach...

Wiewohl mein Job nichts fuer sie waere, ist ihrer wirklich ein heftig krasser Gegensatz zu allem, was sie jemals kannte. Ich muss sagen, sie haelt sich wacker! Sie steht um vier auf und zieht die Schicht durch, tapfer ist das.


Ich war lang' noch im Bett, als sie weg ist, als ich heimkam gestern, vom arbeiten, schlief sie schon. Heute ist's mir erstmals gelungen, um sechs schon aus dem Bett zu kommen. Ich will einfach einen langen Morgen haben, Zeit fuer mich. Und da ich abends ohnehin oft so k.o. bin, dass ich nur noch wenig tun will und kann, ist das wirklich eine ganz gute Loesung fuer mich: Frueh raus und spaeter dann arbeiten gehen.

Gestern durft' ich nochmals Lieferung fahren, mit dem neuen Fahrer. Ken kam nicht, ziemlich unerwartet. Wir kamen ziemlich kaputt um kurz nach neun heim. Ich war fast durchgehend gefahren, aber das hab' ich auch genossen, wiewohl fast sieben Stunden Fahren, Schleppen, Laden, wirklich ziemlich anstrengend sind.

Ich lerne ziemlich viel, ueber China, das Leben dort, Gewuerze, Gemuese, Getraenke, Essen aus Asien in allen Varianten, ueber Preise, unser Geschaeft, Geschaeftsleben in England, ueber verschiedene Menschen und Braeuche, meine Kollegen und ihr Leben, die Umgebung, die ich durchfahren durfte, die Takeaways und die Leute, die dort arbeiten.

Ich lerne, dass Monosodiumglutamate das Gleiche ist wie Mononatriumglutamat (Hmm, woher sollt' ich denn wissen, das Sodium die englische Entsprechung fuer Natrium ist? Dank "meiner alten Schulfreundin" Jenny weiss ich das aber jetzt.), warum die Englaender keine normalen Fenster haben, .....

Ist also Alltag hier, und spannend ebenso wie langweilig, eintoenig und ermuedend wie abenteuerlich und aufregend, Freude und Trauer halten einander fest die Haende. Vielleicht sollt' ich einfach nicht darueber nachdenken, leben, wie's kommt. Eine kleine Weile lang. Weil das Denken nur die kritische Seite schwerer wiegen macht. Und derzeit nichts zu aendern ist, nichts geaendert sein soll.

Ich habe eine Art Heimweh, eine Sehnsucht nach diesem Leben, das nicht ist. Sie ist wie eine bittere Wurzel, die sich einnistet und waechst und umschlingt, Naehrstoffe zieht und Kraft und letztlich gibt es keine Pflanze als nur einen Traum. Weil das erstrebte Leben nur jenseits des Diesseits real zu haben ist. Das glaube ich.

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